Die Ehe-Familien-Lebensberatung im Erzbistum Köln

Eltern werden - Paar bleiben

"Wenn man ehrlich ist - auch wenn das traurig klingt - dann haben die Probleme mit der Geburt unseres ersten Kindes angefangen..."

So oder so ähnlich sprechen viele Paare über den Beginn von Schwierigkeiten in ihrer Beziehung. Die Geburt des ersten Kindes bedeutet für eine Partnerschaft eine sehr radikale Lebensumstellung auf allen Ebenen. War die Entwicklung beider Lebensverläufe bis dahin in aller Regel geprägt von einem kontinuierlichen Zuwachs an Selbstständigkeit, so bedeutet die Elternschaft einen Bruch in dieser Entwicklung – die Eltern erleben eine umfassende Fremdbestimmung durch das Baby bei gleichzeitiger Unsicherheit, wie gut mit all den Bedürfnissen des kleinen Wesens umzugehen ist. So entsteht bei Eltern junger Kinder oft der Eindruck, allein zu sein mit den Heraus- und Überforderungen, und gleichzeitig besteht oft ein schlechtes Gewissen, doch glücklicher sein zu müssen, dankbarer und kompetenter.

Auch in der medialen Darstellung verändert sich das romantisierende Bild der Familiengründung als ein Zustand der Erfüllung und des Glücks nur langsam. Beim Blick auf einige prägnante Herausforderungen wird deutlich, dass Phasen von Verunsicherung und Überforderung eigentlich unvermeidbar sind: Die Anfangszeit mit einem Baby ist eine körperlich herausfordernde Lebensphase. Der mütterliche Körper erlebt durch Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit und Rückbildung eine hohe Anstrengung. Hinzu kommt für beide Partner körperlicher Stress durch Schlafmangel, Babygeschrei und einen oft intensiven und langen Körperkontakt, der nicht immer nur als angenehm empfunden wird. Zudem ist es Menschen, die Stress erleben, weniger möglich, empathisch zu reagieren. In dieser Situation entstehen am Ende häufiger Konflikte, die zudem nur schwer lösbar erscheinen.

Stress als Auslöser und Folge von Herausforderungen

Bei Paaren, die in dieser Phase die Beratung aufsuchen, steht zunächst die Stressregulation und Regeneration im Vordergrund. Erst wenn eine gewisse Beruhigung der Einzelnen erreicht ist, ist es möglich, inhaltlich und konstruktiv an den anstehenden Themen miteinander zu arbeiten. Stress entsteht nicht nur aus den körperlichen Belastungen, die das Leben mit einem Neugeborenen mit sich bringt. Mit der Geburt wird aus dem Paar ein Elternteam, das sich ganz neuen Aufgaben stellen muss. Damit eng in Verbindung steht die Rollenaufteilung. Auch wenn viele Paare die klassischen Rollenbilder kritisch hinterfragen, so leben sie sie doch sehr häufig – zumindest für die erste Zeit. Die eigene Herkunftsfamilie rückt mit der Geburt von Kindern wieder nah an die Elternheran – zum einen ganz real, weil häufig wieder mehr räumliche Nähe entsteht und Großeltern als weitere Bezugspersonen in die neue Kleinfamilie integriert werden. Zum anderen sind für beide Elternteile die jeweilige Bindungsgeschichte und die Rollengestaltung der eigenen Eltern wieder sehr präsent. Das alles fließt – oft gar nicht bewusst – in den Beziehungsaufbau zum Kind und die Ausgestaltung der eigenen Rolle ein. Hier entsteht häufig Konfliktpotenzial, da die jeweiligen Erfahrungen und manchmal unhinterfragten Grund- und Glaubenssätze der Elternteile im Widerspruch zueinander stehen können. Für die Auseinandersetzung mit der Rollenverteilung und der familiären Prägung kann bereits ein präventives, vorgeburtliches Beratungs- oder Gruppenangebot hilfreich sein. Auch zu einem späteren Zeitpunkt wird in Paarberatungen ein Fokus auf diese Aspekte gelegt.

Körperliche Nähe und Sexualität

In der ersten Zeit der Elternschaft werden körperliche Nähe und Sexualität – die häufig bestimmende Faktoren einer Paarbeziehung vor der Geburt von Kindern sind – in aller Regel deutlich weniger gelebt. Im Stress des neuen Alltags fehlt somit oft auch ein vertrauter Weg, der die gemeinsame Verbindung spüren lässt. Paarberatung lässt den Raum entstehen, auch darüber miteinander ins Gespräch zu kommen, zu schauen, welche Bedürfnisse beide Partner haben und wie Nähe und Berührung – wieder oder neu – gelebt werden können. Nach dem ersten Lebensjahr mit all seinen Umstellungen geht es für die meisten Paare nahtlos weiter mit dem Beginn von Fremdbetreuung, dem wieder neuen Lebensmodell von zwei arbeitenden Elternteilen und der Konfrontation damit, dass die Lebensgestaltung weiterhin viel Unplanbares enthält – von Kinder, die häufi g krank sind, bis zu Kitas, die aufgrund von Personalengpässen kurzfristig nicht besucht werden können. Gleichzeitig wandelt sich der Umgang mit dem Kind, denn der geht immer mehr von der hauptsächlichen Aufgabe des Versorgens in die Aufgabe der Erziehung über. Das lässt die gerade erst gefundenen neuen Wege und Muster direkt wieder in Veränderung und Entwicklung geraten.

Kein persönliches Unvermögen

Zu den Zielen unserer Beratungsarbeit gehört es an dieser Stelle, dass Eltern für sich erkennen und akzeptieren, dass es kein persönliches Unvermögen ist, wenn die Veränderungen und Entwicklungen mit Unsicherheiten und Konflikten einhergehen. Gleichzeitig geht es darum, ihnen zu ermöglichen, Strategien für sich zu finden, um dem stetigen Wandel gut zu begegnen und sich dabei als Paar im Blick zu behalten.

Dieser Text erschien zuerst in der Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, Ausgabe 21/25 | 23. Mai 2025

Erstellt am 11.06.2025 von Nina Tackenberg