Buchtipps - "Zusammenbleiben" und "Die Kunst des Liebens"

Die Freiheit zu bleiben und zu lieben

Svenja Flaßpöhler – Philosophin und Bestsellerautorin  - nimmt in ihrem jüngst erschienenen Buch „Zusammenbleiben“ die Freiheit fester Bindungen in den Fokus. Dieses Buch richtet sich gegen den Zeitgeist, der Freiheit allzu oft im Versuch sieht, alle zur Verfügung stehenden Optionen zu nutzen. Und gleichzeitig richtet es sich nicht gegen andere Lebensentwürfe. Es versucht vielmehr, für die – ein Stück weit in Verruf geratene – auf lange Zeit angelegte Paarbeziehung aufzuzeigen, welche Stärke und wie viel Freiheit für das Individuum in ihr steckt.

Ausgehend von Sören Kierkegaards Werk „Entweder - oder“ setzt sich Flaßpöhler mit folgendem Grundgedanken auseinander: „Die Bindung ist die wahre Freiheit, weil derjenige, der bleibt, auf Distanz geht zur Unmittelbarkeit der Lust, die uns heute hierhin und morgen dorthin zieht. Und gerade dadurch kann ein Mensch seinem Leben eine Kohärenz geben und es zu einer Geschichte werden lassen.“

In diesem Zusammenhang wird auch noch einmal der Blick interessant, den der Psychoanalytiker Erich Fromm in seinem 1956 erschienenen Buch „Die Kunst des Liebens“ einnimmt, das in diesem Jahr 70-jährigen Geburtstag feiert: er legt den Lesenden nahe, die Liebe als eine „aktive Kraft im Menschen“ zu begreifen und warnt davor, die Liebe als etwas Passives anzusehen. Als etwas, das uns geschieht, und auf das wir schicksalhaft ergeben warten müssen oder können, in der Hoffnung und Annahme, dass wenn die oder der „Richtige“ in unser Leben tritt, wir Liebe ohne viel eigenes Zutun erfahren und erleben können.  Er zeigt auf, dass Liebesfähigkeit etwas ist, das wir Menschen in uns entwickeln können.

Liebe als Entscheidung und aktive Kraft

In beiden Büchern liegt in Liebe und Bindung eine aktive Entscheidung. Beide verstehen sich als gesellschaftskritische Beiträge – Fromm wendet sich gegen die Mechanismen des Kapitalismus in Liebesbeziehungen, und auch Flaßpöhler schaut kritisch auf den Dating-App-„Markt“, der verspricht, via Algorhythmus die optimale Partner:in zu finden.

Beide benennen Voraussetzungen, die es braucht, um Liebe geben und spüren zu können und um in gelingender Beziehung zu sein: es braucht eine Unabhängigkeit des Individuums – materiell wie emotional: Wenn ich ein gutes Gespür für mich selbst und eine gewisse Unabhängigkeit erreicht habe, kann ich eher an meine eigenen menschlichen Kräfte glauben und den Mut aufbringen, auf diese Kräfte zu vertrauen.

Ich habe dann die Freiheit, gehen zu können und kann aus dieser Freiheit heraus entscheiden zu bleiben – das ist für Flaßpöhler zentral. Bleiben sollte für sie nie Zweck an sich sein.

Nach Fromm wird es aus dieser Unabhängigkeit heraus möglich, meinem Gegenüber etwas zu geben. Und Geben ist für Fromm die zentrale Qualität der Liebe: geben - ohne ein „um zu…“, ohne die Erwartung einer Gegenleistung. Und er ist der Überzeugung, dass Liebe gleichzeitig eine Macht ist, die Liebe erzeugt und somit unweigerlich etwas auf den Gebenden zurück fällt.

Liebe als beständiger Prozess der Auseinandersetzung

Deutlich wird in beiden Büchern, dass Lieben untrennbar mit Arbeit verbunden ist. Es bedarf beständiger Aufmerksamkeit und der Bereitschaft, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich auf Entwicklungen beim anderen und sich selbst einzulassen - immer mit dem Mut, das Wagnis einzugehen und das Risiko auf sich zu nehmen, dass auch Schmerz und Scheitern zu diesem Weg dazugehören.

Bücher

Fromm, Erich; Die Kunst des Liebens; Erscheinungsjahr 1956

Flaßpöhler, Svenja: Zusammenbleiben. Die Freiheit fester Bindungen; Erscheinungsjahr 2026

Erstellt am 22.09.2026