Paare, die im Homeoffice arbeiten: Tut 24/7 – Nähe immer gut?

In vielen Beratungsgesprächen mit Paaren hören wir, dass die berufliche Möglichkeit des Homeoffices auch belastend sein kann. „Zwar sei einiges entspannter als vorher, aber der Alltag mit dieser Form der Arbeit bringe auch Konflikte mit sich“, berichten uns einige Paare.

Früher verabschiedete man sich morgens an der Wohnungstür, vielleicht mit einem Kuss und einem netten Wort: „Bis heute Abend, hab einen guten Tag…“ Dann ging jeder seiner Wege, wo und wie auch immer. Nach einem Tag in getrennten Welten kam man nach Hause und erzählte sich das, was am Tag Gutes und Schönes, aber auch Belastendes vorgefallen war.

Das Zuhause war der geschützte Rückzugsort, wo man von Terminen und Problemen der Arbeit Abstand halten konnte. Nun ist durch das Homeoffice diese Möglichkeit so nicht mehr gegeben. Das Gefüge hat sich verschoben. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt. Auch kann es schwieriger werden, „Feierabend“ zu machen, wenn der Arbeitsplatz nicht von der Wohnung getrennt ist. Ein Gefühl der ständigen Verfügbarkeit kann zu neuem Stress führen. Manches Mal ist der berufliche Kontakt sogar mit anderen Zeitzonen verbunden, was die zeitliche Dimension noch schwieriger macht.

Homeoffice kann segensreich sein

Homeoffice kann auch segensreich im Sinne der Work-Life-Balance und der Flexibilität sein. Die Vorteile von Home-Office treten deutlich hervor, wenn man das fehlende Pendeln, die Möglichkeit der Beaufsichtigung von Kindern (gerade, wenn die Kita oder Grundschule ausfällt oder das Kind krank ist), die Zeitersparnis und die flexiblere Arbeitseinteilung bedenkt. Mehr gemeinsame Paar- und Familienzeit kann die Bindung stärken. Mahlzeiten und Pausen können gemeinsam gestaltet werden. Häufig berichten uns Paare, dass Privatleben und Beruf seither wesentlich besser zu vereinbaren sei. Von gemeinsamen Projekten und Hobbys wird erzählt, z.B. dem mittäglichen Kochen oder dem kurzen Spaziergang in einer Pause.

Manchen Berufsgruppen ermöglicht die teilweise Arbeit von Zuhause überhaupt erst, am Arbeitsmarkt teilzunehmen. Zudem kann sich der Radius für mögliche Jobs erweitern, wenn man nicht an allen Wochentagen im Büro sein muss.

Verlust der Distanz zwischen privater und beruflicher Welt

Doch es gibt auch die andere Seite dieser neuen Arbeitssituation. So kann die Küche oder das Schlafzimmer zum Computer- und Business- Meeting-Raum werden. Dabei gilt es zu bedenken, dass nicht die Arbeit an sich das Problem ist, sondern der Verlust der Distanz zwischen privater und beruflicher Welt. Hier liegt die Gefahr einer Verwischung der beiden Bereiche.

Menschen, die über einen großen Wohnraum verfügen, können bessere Grenzen ziehen, aber es ist schwer, sich im Dauer-Home-Office gut abzugrenzen, wenn der Wohnraum knapp ist und sowohl für die Arbeit wie für Paar- und Familienzeit gleichermaßen genutzt wird.

So erleben wir auch den Partner oder die Partnerin viele Stunden in seiner oder ihrer beruflichen Rolle hautnah mit. Berufskolleg*innen sind wir gewöhnlich nicht. Wir sind privat Partner*innen, Vertraute, Freund*innen, auch Eltern. Durch das Homeoffice kommt etwas Fremdes in unser Zuhause, was so ungefiltert in der Regel nicht in unseren vier Wänden präsent ist. Paare erfahren immer auch Gutes und Belastendes, was den jeweiligen Beruf des anderen betrifft. Manchmal sind sie Blitzableiter für Stress, Probleme und schlechte Laune, aber die Distanz zu diesen Themen kann im Homeoffice verloren gehen.

"Neue" Konfliktfelder im Paaralltag

Seit die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, viele Paare nutzen, werden in unseren Paargesprächen folgende Themen angesprochen, die konfliktbehaftet sein können:

  • Wer bekommt den ruhigen Platz im Arbeitszimmer, wer bleibt am Küchentisch?
  • Wer macht die Hausarbeit „zwischendurch“? Oft bleibt die Arbeit an der Person hängen, die eine geringere Schmerztoleranz hat.
  • Werde ich emotional angesteckt, wenn z.B. ein Meeting im Homeoffice schlecht läuft? Oft wird dieser Frust direkt beim Partner/der Partnerin abgeladen. „Ich wollte mir nur einen Tee machen und wurde sofort mit diesem Arbeitskonflikt überfallen“, hörte ich in einem Paarberatungsgespräch.
  • Begehren braucht Distanz und Wiederannäherung. Wird der Homeofficetag nur in Jogginghose verbracht, kann dies Auswirkungen auf die Anziehung haben.
  • Fehlende Abwechslung im Alltag, wenige externe Kontakte und Themen können zu Langeweile und Unzufriedenheit führen.
  • Die wenigen Ausweichmöglichkeiten (zeitlich und räumlich) können dazu führen, dass den (alltäglichen) Konflikten nicht aus dem Weg gegangen werden kann. So können kleinere Reibereien, was Haushalt, Lärm oder unterschiedliche Arbeitszeiten betrifft, schneller eskalieren.

Wechselspiel von Nähe und Distanz aufrecht erhalten

Die Auswirkungen von Homeoffice auf Partnerschaften können sowohl positiv als auch negativ sein - abhängig von der Dynamik, der Kommunikation und der Struktur der jeweiligen Beziehung. So brauchen Beziehungen stets das Wechselspiel zwischen Nähe und Autonomie und die gilt es, gerade, wenn beide Partner im Homeoffice arbeiten, für sich selbst zu entwickeln, da sie nicht mehr von außen vorgegeben werden.

Klare Absprachen zu treffen hinsichtlich Arbeits- und Paar-/Familienzeit, ist wichtig. Auch scheinen zwei voneinander getrennte Arbeitsplätze sinnvoll. Gemeinsam gestaltete Routinen und Pausen können helfen, den Tag zu strukturieren. Ebenso sollte man einen Ausgleich schaffen zwischen Zeit für sich, Zeit für soziale Kontakte und der gemeinsamen Zeit.

Zu all dem Gesagten ist das regelmäßige konstruktive Sprechen über diesen Arbeitsstil entscheidend: Welche Bedürfnisse habe ich/haben wir? Welche Schwierigkeiten und Herausforderungen, aber auch welche Vorteile sehe ich/sehen wir in dieser Form der Arbeit?

So kann der Tag im Homeoffice für Paare und Familien auch gelingen.

Erstellt am 15.10.2026 von Margarete Roenspies-Deres